Handyweitwurf, lustige Acts beim ESC und die Sauna: Aus Finnland kennst du vermutlich vieles. Aber hast du auch schon mal von Finnish Weird gehört?
Finnish Weird (orig: Suomikumma) ist nicht etwa die neuste Metalband, die die Bühnen Europas in schrägen Kostümen erobern will. Es ist ein literarisches Genre, das, wie der Name schon sagt, nur in der finnischen Literatur vorkommt. Was es genau damit auf sich hat und welche Bücher du sogar in Übersetzung lesen kannst, erfährst du in diesem Blogbeitrag.
- Finnish Weird – eine Definition
- Wer liest denn sowas?
- Warum sollte ich Finnish Weird lesen?
- Lesempfehlungen
- Quellen
Finnish Weird – eine Definition
Geprägt wurde der Gattungsbegriff 2011 von der finnischen Autorin Johanna Sinisalo. In ihrem Essay „Weird and proud of it“ reflektiert sie über die Frage, in welches Genre ihre eigenen Werke passen, und sie kommt zu dem Schluss, dass weder Fantasy noch Science-Fiction die teils fantastischen, teils mystischen, teils futuristischen Elemente für sie treffend sind. Sinisalo ist der Meinung, dass Leser*innen bei diesen Genres bereits gewisse Vorstellungen haben und nicht unbedarft an das Thema herangehen. Für sie stellt eine derartige Klassifizierung ihrer eigenen Bücher einen Verlust dar, weil sie falsche Erwartungen wecken. Viel wichtiger als das Genre sei die Geschichte, die sie zu erzählen hat.
„Weirde“ Elemente sind für Sinisalo in der finnischen Literatur an vielen Stellen präsent. Die Genregrenzen verschwimmen und das, was sie als Finnish Weird sieht, ist vor allem das Versprechen an die Lesenden, dass in einer Geschichte alles möglich ist.
Was heißt das nun für das Genre?
In Finnish Weird versammelt sich alles, was sich nicht in Schubladen stecken lässt oder stecken lassen will. Der traditionelle Realismus, der ein Markenzeichen der finnischen Literatur ist, wird beispielsweise verbunden mit fantastischen Elementen, es gibt aber auch magischen Realismus, spekulative Fiktion, Mythologie oder Horror.
Das heißt also: Finnish Weird ist ein Sammelbecken für alles Wundersame und Bizarre, für unerklärliche Phänomene und Mythologie. Das klingt nach einer wilden Mischung, die ist aber ziemlich gut, wie ich als begeisterte FW-Leserin sagen kann.
Wer liest denn sowas?
In Finnland lesen es viele Menschen, ganz unabhängig vom Alter. Persönlich bin ich der Auffassung, dass Finnish Weird als Genre sogar recht viel gelesen wird. Es gibt nicht nur eine Vielzahl an Übersetzungen, wie die Leseempfehlungen am Ende zeigen, es ist auch seit Jahren „salonfähig“: Der wohl bekannteste Roman des Genres, „Troll: Eine Liebesgeschichte“ (2005, Tropen Verlag, Übersetzung: Angela Plöger) von Johanna Sinisalo, gewann im Jahr 2000 sogar den wichtigsten finnischen Buchpreis, den Finlandia-Preis.
Begeisterte Kurzgeschichtenleser*innen dürfen sich besonders über die Publikationen auf der Plattform finnishweird.net freuen, denn hier gibt es eine Vielzahl in englischer Übersetzung frei zugänglich.
Interessant ist auch, dass die Autor*innen nicht nur ausschließlich auf Finnisch oder Finnlandschwedisch schreiben. Englisch ist eine beliebte Sprache für die Veröffentlichung, wie z. B. Emmi Itäranta und Leena Likitalo zeigen.
Warum sollte ich Finnish Weird lesen?
Finnish Weird ist ein spannendes Genre, das es so sonst nicht gibt. Es vereint phantastische Elemente mit nordeuropäischer Nüchternheit. Diese Mischung hat es in sich und lässt die Lesenden fasziniert zurück.
Wenn du dich also für außergewöhnliche Literatur interessierst, ist das Genre für dich perfekt. Egal, wie viele Fantasy-, Science-Fiction- oder Horrorelemente oder wie viel „Weirdness“ im Allgemeinen du lesen möchtest, kommst du hier bestimmt auf deine Kosten.
Leseempfehlungen
Natürlich kann ich so einen Beitrag nicht verfassen, ohne dir noch ein paar persönliche Leseempfehlungen mitzugeben (unbezahlte Werbung).
Dabei beschränke ich mich auf meine Favoriten, die es auch auf Deutsch oder Englisch gibt. Leider sind viele dieser Titel schon vergriffen und nur noch gebraucht oder antiquarisch zu bekommen. Aber sie sind die Mühe der Suche wert!
Mein ganz großer Favorit ist in dieser Liste „Stechapfel“ von Leena Krohn. Der Roman ist besonders weird und bewegt sich auf der Grenze zwischen Realität und Absurdität.
Greifst du lieber zu Dystopien, solltest du „Der Geschmack von Wasser“ von Emmi Itäranta oder „Finnisches Feuer“ von Johanna Sinisalo lesen.
Magischen Realismus findest du in Pasi Ilmari Jääskeläinens „Lauras Verschwinden im Schnee“, in dem es ganz nebenbei auch noch um das Schreiben geht. „Die Stadt der verbotenen Träume“ von Emmi Itäranta ist ein fantasylastiger Roman mit schönem Weltenbau, während „Glasauge“ von Johanna Sinisalo das Unheimliche bei einer Fernsehproduktion zeigt.
Romanempfehlungen
Die Liste stellt keine Präferenz dar, sondern ist alphabetisch nach Autor*in sortiert. Übirgens sind das noch längst nicht alle Titel dieses Genres, die ins Deutsche oder Englische übersetzt worden sind. Es gibt noch viel mehr zu entdecken.
- Emmi Itäranta: Der Geschmack von Wasser (2014, dtv; Übersetzung: Anu Stohner)
- Emmi Itäranta: Die Stadt der verbotenen Träume (2017, Arctis Verlag; Übersetzung: Gabriele Schrey-Vasara)
- Emmi Itäranta: The Moonday Letters (2022, Titan Books; engl. Original)
- Pasi Ilmari Jääskeläinen: Lauras Verschwinden im Schnee (2014, aufbau; Übersetzung: Angela Plöger)
- Leena Krohn: Stechapfel (2006, Blumenbar Verlag; Übersetzung: Elina Kritzokat)
- Johanna Sinisalo: Glasauge (2007, Tropen Verlag; Übersetzung: Elina Kritzokat)
- Johanna Sinisalo: Finnisches Feuer (2014, Tropen Verlag; Übersetzung: Stefan Moster)
Kurzgeschichten
- Magdalena Hai: Corpsemarsh (2016, Finnish Weird 3: Enter the Weird; Übersetzung: J. Robert Tupasela)
- Pasi Ilmari Jääskeläinen: The Coins of Morpheus (2015, in: Finnish Weird 2: Children of the Weird; Übersetzung: J. Robert Tupasela)
- Leena Likitalo: Her Likeness, my breath (2016, Finnish Weird 3: Enter the Weird)
Quellen
https://www.booksfromfinland.fi/2011/09/weird-and-proud-of-it/
https://www.uni-goettingen.de/de/finnish+weird/690204.html
https://www.finnishweird.net
https://fi.wikipedia.org/wiki/Finlandia-palkinto
Titelbild: Raimo Lantelankallio auf Unsplash

Keinen Beitrag mehr verpassen?
Dann melde dich gern zu meinem Newsletter an. Feder & Fjäll erscheint ein- bis zweimal im Monat und ist etwas für Weltenbauer*innen, Monsterjäger*innen und Planetenentdecker*innen – und alle die, die ein wenig mehr über mich und meine Arbeit wissen wollen.
